|
|
|
 |
Flug vom Montblanc (4807m)
Am 14.7.1990 bin ich mit einem Gleitschirm (Swing Zenith) am Gipfel gestartet und bis kurz vor Sallanches geflogen. Das waren ca. 40 Min. reines Gleiten in thermisch toter Luft, morgens um 8 Uhr. Ausser mir haben noch 4 andere Flieger diesen relativ windstillen Tag genutzt.
Das Hauptproblem, glaube ich, ist einen windstillen Tag zu erwischen. Der Montblanc ist durch seine exponierte Lage und durch seine Höhe sehr dem Wind ausgesetzt. Seine Stürme sind in Bergsteigerkreisen berüchtigt. Selbst bei schönstem Wetter pfeifen in der Regel starke Höhenwinde über den Gipfel. Es kann durchaus sein, dass in einer Sommersaison keine 5 windstillen Tage zusammenkommen.
Damals lag ein grosses Hoch über Europa. Das Hoch alterte langsam, die Druckgegensätze verflachten allmählich. Durch die beginnende Labilisierung war es bestimmt auch ein guter Thermiktag in Chamonix, Verbier, Fiesch usw... Davon hatte ich aber damals nicht viel Ahnung. Die aufkommende Gewitterneigung war kein Thema, weil der Gipfel in der Regel früh morgens erreicht wird.
Obwohl ich die Wetterentwicklung genau beobachtet hatte, und der Wetterbericht ausdrücklich die windschwache Lage bestätigte, machte ich mir über die Erfolgsaussichten keine Illusionen. Ich wusste von anderen, dass sie den Flug mehrmals ohne Erfolg versucht hatten. Dass es bei mir auf Anhieb klappte, dass es ‚nur' 15 - 20km/h Wind hatte, war halt Glück.
Das nächste Problem hat man schon eher in der eigenen Hand: nämlich hinauf zu kommen. Da ich kein Muskelprotz bin, habe ich Gewicht gespart, wo es nur ging: Kein Helm, leichter Sitzgurt (das Holzbrett herausgenommen), kein Reserveschirm, kein Fotoapparat (was ich heute bereue). Als Alleingänger brauchte ich kein Seil und keinen Klettergurt. Ausserdem nahm ich keinen Eispickel und keine Stirnlampe mit. Das einzige alpine Ausrüstungsteil waren Steigeisen, ohne die es nicht geht.
Wer nicht gerade in olympiareifer Form ist, sollte seinen Körper durch Vorbereitungstouren an die Höhe anpassen. Ich habe eine schlimme Nacht auf der Gouter-Hütte (3800m) verbracht, und war nahe daran, höhenkrank zu werden.
Eine genaue Routenbeschreibung kann ich hier nicht geben. Es gibt aber genügend Literatur. Am häufigsten wird die Route über die Gouter-Hütte begangen. Mit Seilbahn und Zahnradbahn erreicht man zunächst Nid d'Aigle (2300m). Dann folgen 1500 Hm Aufstieg zur Hütte, eine Bergtour für sich. Etwa. 5 Stunden. Die Hütte ist bei gutem Wetter immer überfüllt. Es empfiehlt sich, telefonisch zu reservieren, sonst liegt man auf dem Boden oder gar draussen. Am nächsten Tag (Aufbruch ca. 3 Uhr) geht es zunächst zusammen mit mindestens 100 anderen Bergsteigern in einer langen Lichterkette aus vielen Stirnlampen über den mässig steilen Gletscher zum Dome du Gouter (4300m) hoch und dann über den sehr schmalen Bossesgrat zum Gipfel. Etwa 3 - 4 Stunden. Für geübte Bergsteiger ist das kein Problem. Wer aber noch nie mit Steigeisen gegangen ist, oder noch nie auf einem Gletscher stand, gehört hier nicht her.
Nicht jeder verträgt die dünne Luft gleich gut. Ein guter Trainingszustand ist hilfreich, aber keine Garantie, von Höhenproblemen verschont zu bleiben. Auf jeden Fall empfiehlt sich ein langsames und gleichmässiges Gehen, verbunden mit einem genauso gleichmässigen Atmen. (Wenn Du Bergerfahrung hast, erzähle ich Dir hier nichts neues.)
Es gibt noch andere Routen. Eine beginnt an der Bergstation der Seilbahn auf die Aiguille du Midi und dann weiter über Montblanc du Tacul und Mont Maudit zum Gipfel. Ist an einem Tag zu machen, aber länger, anstrengender und nicht leichter. Eine weitere Route führt über viel Gletscher von den Muletshütten (3050m) zum Gipfel, ebenfalls anstrengend. Diese beiden Routen kamen für mich auch wegen der Spaltengefahr nicht in Frage. Beide können aber im Frühling mit Ski begangen werden. Ich will zwar nicht behaupten, dass die Kombination Ski/Gleitschirm am Montblanc nicht geht, rate aber davon ab, weil die Ski teilweise getragen werden müssen, und der Skistart die Sache nicht unbedingt einfacher macht. Damit bleibt als günstigste Jahreszeit nur Juli bis Mitte September übrig.
Der Startplatz befindet sich direkt wenige Meter unter dem Gipfel. Die Startrichtung ist Nord. Die Schneefläche ist gross und ideal geneigt, so dass die Schirme gut liegen bleiben. Allerdings wirds allmählich steiler. Wer den Start nicht rechtzeitig abbricht, riskiert ein Abrutschen. Man braucht keine Sorge wegen der vermeintlich hohen Startgeschwindigkeit in der dünnen Luft (ca. 55% gegenüber Meereshöhe) zu haben. Man wird hier immer mit einem ‚Lüfterl' rechnen können, das das Starten erleichtert. Bei zu starkem Wind hat es aber schon Tote gegeben (Sturz in die steile Ostflanke).
Ich bin ohne Steigeisen gestartet. Mit Steigeisen in der grünen Wiese bei Sallanches zu stehen, ist aber sicher witzig.
Nach dem Start habe ich mich gleich links gehalten und bin zunächst der Aufstiegsroute entlang geflogen. Und dann immer schön geradeaus. Die damaligen Gleitzahlen erlaubten keine Umwege. Der kürzere Flug direkt nach Chamonix war (zumindest 1990) verboten. Die Montblanc-Seite des Tals war wegen der häufigen Hubschrauberflüge (Rettung und Hüttenversorgung) gesperrt. In den Wiesen zwischen Le Fayet und Sallanches gibt es einen offiziellen Landeplatz. Es gibt dort ein kleines Flugggebiet.
Es gibt natürlich noch mehr lohnende Gipfel. Und es gibt Spezialisten die fast alles ‚beflogen' haben, zu denen ich aber nicht gehöre.
Falls Du aber Infos brauchst, wühle ich halt noch ein bisschen in meinen alpinen Erinnerungen und helfe Dir, soweit ich kann.
Wolfgang
|
 |
|
|
|
|
www.wolfgang-linder.de
|
|